Hafterfahrungen

Räumliche Enge und Mangelernährung

Mehr als 6.300 Juden brachte die SS im November 1938 in den 18 Baracken des "kleinen Lagers" unter. Betten waren nicht vorhanden. Die Gefangenen mussten in ihrer Häftlingskleidung auf dem mit Stroh ausgelegten Boden schlafen. Die Verpflegung der Männer war qualitativ und quantitativ nicht ausreichend. Für die körperlich schwer Arbeitenden enthielt sie vor allem zu wenig Fett. Morgens gab es eine Suppe und Kommissbrot mit Aufstrich, das als Mittagessen vorgesehen war, abends eine Art Eintopf. Die Situation verbesserte sich durch Einkaufs-Möglichkeiten in der "Lager-Kantine", die zu überhöhten Preisen Lebensmittel und Tabak anbot.

Reduktion zur Nummer

Bei der KZ-Aufnahme erhielt jeder Mann eine Nummer, die nun den Namen des Gefangenen ersetzte. Damit bezweckte die SS eine völlige Ent-Individualisierung ihrer Opfer, zu der auch die uniforme Häftlingskleidung und die kahlgeschorenen Köpfe beitrugen.Die ihrer Individualität beraubten, zur Nummer reduzierten Männer wurden Teil einer anonymen Masse. Diese Verwandlung sahen viele als ihre schlimmste Hafterfahrung an. Gerhard Nassau beschrieb das KZ Sachsenhausen daher später als ein "Reich der Nummern, wo die Zeit stillsteht und die Männer keine Namen haben".

Quälend und langwierig: Der Zählappell

Eine weitere prägende Hafterfahrung waren die zweimal täglich durchgeführten Zählappelle. Wie der jüdische Häftling Erich Kohlhagen später schrieb, "war das Zählen der Häftlinge eine der wichtigsten Angelegenheiten im KZ". Sterben durfte man, "aber wehe, es fehlte einer". Auch kranke und völlig geschwächte Häftlinge mussten stundenlang bei Nässe und Kälte Appell stehen. Erfrierungen und Amputationen von Gliedmaßen waren eine häufige Folge. Die Angst vor Fußtritten und Schlägen durch die SS war allgegenwärtig. Oft wurden gerade die Schwächsten Opfer sadistischer Quälereien.

Schwere, strapaziöse körperliche Arbeit

In den ersten Tagen nach der Einlieferung mussten die jüdischen Häftlinge vor allem exerzieren. Später zwang die SS die Männer zu kräfteraubenden und oft sinnlosen Arbeiten, vor allem um sie zu demütigen. Sie mussten Sandhaufen von einem Ende zum anderen "bewegen" oder mit bloßen Händen Schnee räumen. Erfrorene Gliedmaßen waren die Folge. Andere mussten im gefürchteten Außenkommando Klinkerwerk Sand und schwere Zementsäcke schleppen. Wegen der starken Überfüllung des Lagers konnte die SS aber nicht alle Häftlinge beschäftigen. Wer nicht zu einem Arbeitskommando eingeteilt wurde, machte Stubendienst oder musste exerzieren.

Einschüchterung durch SS-Willkür und Terror

Neben der dauernden Sorge um die Zukunft quälte die Häftlinge vor allem die Willkürherrschaft der SS. Bei der Aufnahme hatte der Lagerkommandant den jüdischen Männern mitgeteilt, dass sie die Lagerordnung zu beachten hätten. Über deren Inhalt und die für die einzelnen "Vergehen" vorgesehenen Strafen hatte er sie aber bewusst im Dunkeln gelassen. Das machte die Männer, wie einer von ihnen schrieb, "zum wehrlosen Objekt der Willkür unserer Peiniger", die der Angst, bestraft zu werden, ohnmächtig ausgeliefert waren.Auch Strafvollstreckungen bei anderen Häftlingen, die sie mit ansehen oder anhören mussten, empfanden die jüdischen Männer als Terror.

Erniedrigung und Demütigung

Die entwürdigende Situation bei der Festnahme und im Lager ließ die KZ-Haft für die Betroffenen zur existenziellen Katastrophe geraten. Neben den im KZ erlittenen körperlichen Schäden erschütterten sie vor allem die dort erfahrene Degradierung, der Verlust ihrer Menschenwürde und ihr Verstoß aus einer bürgerlichen Wertegemeinschaft, der sie sich zugehörig gefühlt hatten. Sie mussten erkennen, dass sie den gewalttätigen SS-Schergen hilflos ausgeliefert waren. Die KZ-Haft nach den November-Pogromen nahm den Männern jede Illusion eines möglichen Weiterlebens im nationalsozialistischen Deutschland.

Entlassung

Die große Mehrheit der Pogrom-Gefangenen kam nach einigen Monaten wieder frei. Zuerst wurden ab Mitte November 1938 Kranke und über 60-Jährige entlassen, dann Weltkriegsteilnehmer und unter 16-Jährige. Im Dezember ließ die SS dann täglich etwa 150-250 jüdische Häftlinge frei, so dass Anfang 1939 noch 958 der ursprünglich 6.320 Männer im Lager waren. Auch die Entlassung war von Schikanen und Willkür begleitet. Die Männer bekamen Kleidung und Wertsachen zurück und mussten Schweigen über ihre Hafterfahrungen geloben. Dafür unterschrieben sie mit ihren Namen, waren also nicht länger Nummern. Dennoch: Freigelassen wurden sie nur unter der Auflage, zu emigrieren.

Häftlingsappell im „kleinen Lager“ des KZ Sachsenhausen,

10.-23.11.1938, aus: „Das Schwarze Korps“, DHM, Berlin

 

Bilderserie „Professor Landra besucht das KZ Sachsenhausen“,

19.12.1938, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung

 

Serie Bleistiftzeichnungen „Oranienburg“ von Hermann Baum,

1938/39, Jewish Holocaust Centre, Melbourne (Australien)

 

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Hafterfahrungen

Räumliche Enge und Mangelernährung

Mehr als 6.300 Juden brachte die SS im November 1938 in den 18 Baracken des "kleinen Lagers" unter. Betten waren nicht vorhanden. Die Gefangenen mussten in ihrer Häftlingskleidung auf dem mit Stroh ausgelegten Boden schlafen. Die Verpflegung der Männer war qualitativ und quantitativ nicht ausreichend. Für die körperlich schwer Arbeitenden enthielt sie vor allem zu wenig Fett. Morgens gab es eine Suppe und Kommissbrot mit Aufstrich, das als Mittagessen vorgesehen war, abends eine Art Eintopf. Die Situation verbesserte sich durch Einkaufs-Möglichkeiten in der "Lager-Kantine", die zu überhöhten Preisen Lebensmittel und Tabak anbot.

Reduktion zur Nummer

Bei der KZ-Aufnahme erhielt jeder Mann eine Nummer, die nun den Namen des Gefangenen ersetzte. Damit bezweckte die SS eine völlige Ent-Individualisierung ihrer Opfer, zu der auch die uniforme Häftlingskleidung und die kahlgeschorenen Köpfe beitrugen.Die ihrer Individualität beraubten, zur Nummer reduzierten Männer wurden Teil einer anonymen Masse. Diese Verwandlung sahen viele als ihre schlimmste Hafterfahrung an. Gerhard Nassau beschrieb das KZ Sachsenhausen daher später als ein "Reich der Nummern, wo die Zeit stillsteht und die Männer keine Namen haben".

Quälend und langwierig: Der Zählappell

Eine weitere prägende Hafterfahrung waren die zweimal täglich durchgeführten Zählappelle. Wie der jüdische Häftling Erich Kohlhagen später schrieb, "war das Zählen der Häftlinge eine der wichtigsten Angelegenheiten im KZ". Sterben durfte man, "aber wehe, es fehlte einer". Auch kranke und völlig geschwächte Häftlinge mussten stundenlang bei Nässe und Kälte Appell stehen. Erfrierungen und Amputationen von Gliedmaßen waren eine häufige Folge. Die Angst vor Fußtritten und Schlägen durch die SS war allgegenwärtig. Oft wurden gerade die Schwächsten Opfer sadistischer Quälereien.

Schwere, strapaziöse
körperliche Arbeit

In den ersten Tagen nach der Einlieferung mussten die jüdischen Häftlinge vor allem exerzieren. Später zwang die SS die Männer zu kräfteraubenden und oft sinnlosen Arbeiten, vor allem um sie zu demütigen. Sie mussten Sandhaufen von einem Ende zum anderen "bewegen" oder mit bloßen Händen Schnee räumen. Erfrorene Gliedmaßen waren die Folge. Andere mussten im gefürchteten Außenkommando Klinkerwerk Sand und schwere Zementsäcke schleppen. Wegen der starken Überfüllung des Lagers konnte die SS aber nicht alle Häftlinge beschäftigen. Wer nicht zu einem Arbeitskommando eingeteilt wurde, machte Stubendienst oder musste exerzieren.

Einschüchterung durch SS-Willkür und Terror

Neben der dauernden Sorge um die Zukunft quälte die Häftlinge vor allem die Willkürherrschaft der SS. Bei der Aufnahme hatte der Lagerkommandant den jüdischen Männern mitgeteilt, dass sie die Lagerordnung zu beachten hätten. Über deren Inhalt und die für die einzelnen "Vergehen" vorgesehenen Strafen hatte er sie aber bewusst im Dunkeln gelassen. Das machte die Männer, wie einer von ihnen schrieb, "zum wehrlosen Objekt der Willkür unserer Peiniger", die der Angst, bestraft zu werden, ohnmächtig ausgeliefert waren.Auch Strafvollstreckungen bei anderen Häftlingen, die sie mit ansehen oder anhören mussten, empfanden die jüdischen Männer als Terror.

Erniedrigung und Demütigung

Die entwürdigende Situation bei der Festnahme und im Lager ließ die KZ-Haft für die Betroffenen zur existenziellen Katastrophe geraten. Neben den im KZ erlittenen körperlichen Schäden erschütterten sie vor allem die dort erfahrene Degradierung, der Verlust ihrer Menschenwürde und ihr Verstoß aus einer bürgerlichen Wertegemeinschaft, der sie sich zugehörig gefühlt hatten. Sie mussten erkennen, dass sie den gewalttätigen SS-Schergen hilflos ausgeliefert waren. Die KZ-Haft nach den November-Pogromen nahm den Männern jede Illusion eines möglichen Weiterlebens im nationalsozialistischen Deutschland.

Entlassung

Die große Mehrheit der Pogrom-Gefangenen kam nach einigen Monaten wieder frei. Zuerst wurden ab Mitte November 1938 Kranke und über 60-Jährige entlassen, dann Weltkriegsteilnehmer und unter 16-Jährige. Im Dezember ließ die SS dann täglich etwa 150-250 jüdische Häftlinge frei, so dass Anfang 1939 noch 958 der ursprünglich 6.320 Männer im Lager waren. Auch die Entlassung war von Schikanen und Willkür begleitet. Die Männer bekamen Kleidung und Wertsachen zurück und mussten Schweigen über ihre Hafterfahrungen geloben. Dafür unterschrieben sie mit ihren Namen, waren also nicht länger Nummern. Dennoch: Freigelassen wurden sie nur unter der Auflage, zu emigrieren.